Ausbruch des globalen Wasserstoff-Booms in vollem Gange?

Stefan Krick
Stefan Krick

Finanz-Blogger, Unternehmer, Vermögensarchitekt

Im November sehen wir einen regelrechten Wasserstoff-Boom. Die Unsicherheit im Vorfeld der US-Wahl scheint nun endgültig überwunden. Wie geht es mit Wasserstoff nun weiter und was machen die Unternehmen?

Seit Anfang November befindet sich die gesamte Wasserstoffbranche in einem starken Aufwärtstrend. Teilweise steigen die Aktienkurse von den Unternehmen ohne nennenswerte Neuigkeiten. Es scheint, als würde Joe Bidens Wahlsieg dem gesamten Sektor rund um „grüne Energien“ einen gewaltigen Schub verleihen. Die Unsicherheit nimmt langsam ab und man geht davon aus, dass Joe Biden sein 2 Billionen US$ schweres Klimapaket umsetzen wird. Wer den Mut hatte, trotz großer Unsicherheit vor den US-Wahlen, investiert zu bleiben, wird nun belohnt. Doch wie sind diese heftigen Kurssteigerungen einzuordnen?

Globale Investitionen in Wasserstoff und erneuerbare Energien

Japan war das erste Land überhaupt welches durch seine „Basic Hydrogen Strategy“ im Jahre 2017 den Wandel hin zu einer Wasserstoffgesellschaft klar formuliert hat. Das Land richtet all seine Aktivitäten darauf aus bis 2030 die Kosten von Wasserstoff zu senken und die Technologien aus dem Prototypenstatus in sichere Endanwendungen zu überführen. Danach sollen die Technologien serienreif produziert und eingesetzt werden. Seitdem haben immer mehr Länder eigene Wasserstoffstrategien formuliert. Eine Übersicht der Strategien und Maßnahmen ist in folgendem Bild dargestellt.

Übersicht der weltweiten Fördermaßnahmen in Wasserstoff und erneuerbare Energien

Was Japan vorgemacht hat, tun nun auch viele europäische Länder. So haben beispielsweise Deutschland, Frankreich oder Portugal eigene nationale Wasserstoffstrategien formuliert mit konkreten Investitionsvolumen. Deutschland hat dabei mit einem Aufbau von 10 GW Elektrolyseleistung und einem vorgesehenen Investitionsvolumen von 9 Mrd. € die ambitioniertesten Ziele.

In China setzt man voll auf die Mobilität mit Wasserstoff und Brennstoffzellen in Fuel Cell Electric Vehicles (FCEV´s). Bis 2030 sollen bereits 1 Mio. FCEV´s auf den Straßen fahren, um Chinas Städte sauberer und lebenswerter zu machen. Zur Versorgung der Fahrzeuge mit Wasserstoff sollen bis dahin 1.000 Tankstationen aufgebaut werden.

Doch nur „grüner Wasserstoff“, welcher durch Elektrolyse aus erneuerbaren Energiequellen und Wasser erzeugt wird, ist frei von Emissionen. Weltweit nimmt grüner Wasserstoff allerdings einen Anteil von weniger wie 95 % ein, d.h. der Großteil des Wasserstoffs wird aus fossilen Rohstoffen gewonnen. Das bedeutet, dass neben den Technologien rund um Wasserstoff die erneuerbaren Energien ausgebaut werden müssen.

Auch hier geht es voran. Der bereits angesprochene neue US Präsident Joe Biden will mit einem 2.000 Mrd. US$ schweren Klimaschutzpaket in eine nachhaltige und grüne Zukunft investieren. Unterstützt wird das ganze von der Anfang des Jahres erschienenen Studie „Roadmap to US Hydrogen Energy Leadership“. Die Studie zeigt, wie 2050 allein mit der Wasserstoffbranche jährlich 750 Mrd. US$ umgesetzt und 3,4 Mio. Arbeitsplätze geschaffen werden können.

Die EU hat sich konkret verpflichtet bis 2050 klimaneutral zu werden. Zur Zielerreichung müssen bis 2030 jährlich 230 Mrd. € in erneuerbare Energien und Wasserstoff investiert werden. Eine Studie der DG ENER zeigt, wie man 2050 jährlich 800 Mrd. € umsetzen und 5,4 Mio. Arbeitsplätze allein in der Wasserstoffindustrie schaffen kann.

In Asien ist sicherlich Südkorea mit seinem „Green New Deal“ zu nennen. Bis 2025 sollen im Sektor erneuerbare Energien 53 Mrd. € investiert und 659.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch China will bis 2060 CO-neutral werden.

Globale Wasserstoffwirtschaft in Sicht?

Günstiger grüner Strom ist für die Herstellung von Wasserstoff per Elektrolyse essentiell. Es ist daher wichtig, dass die Stromgestehungskosten (LCOE) weiter sinken um günstigen „grünen Wasserstoff“ bereitstellen zu können. In der nachfolgenden Grafik sieht man, dass die Stromgestehungskosten stetig sinken und auch in Zukunft sinken werden.

Globale Stromgestehungskosten von Photovoltaik und Wind
Quelle: BloombergNEF

Durch den stetigen Ausbau erneuerbarer Energien wird auch die Menge an zur Verfügung stehendem Strom steigen. So kann immer mehr Strom zur Herstellung von „grünem“ Wasserstoff verwendet werden. Denn klar ist, dass Wasserstoff bei der Herstellung per Elektrolyse viel Energie benötigt. Viel mehr Energie, als wenn man den Strom direkt in einer Batterie speichern würde. Doch der große Vorteil von Wasserstoff ist, dass die Speicherkosten mit zunehmender Lagerdauer viel niedriger sind als bei Batterien. Wie untenstehende Grafik zeigt, hat Wasserstoff bereits bei einem Tag einen deutlichen Kostenvorteil.

Vergleich der Stromspeicherkosten Batterie und Wasserstoff
Quelle: Plug Power Symposium 2020

D.h. überall dort wo Energie langfristig gespeichert werden muss, hat Wasserstoff große Vorteile. In Zukunft ergeben sich dadurch vielfältige Möglichkeiten in der Energiewirtschaft, u.a.:

  • Ausgleich von Lastspitzen im Stromnetz durch bedarfsgerechten und punktuellen Einsatz von gelagertem Wasserstoff.
  • Energieautarke Gebäude mit Photovoltaik und Elektrolyseur: Der erzeugte Strom kann gespeichert werden und muss nicht dem überlasteten Stromnetz zugeführt werden.
  • Kraft-Wärme-Kopplungssysteme mit Wasserstoff und/oder Brennstoffzelle: Es wird Strom erzeugt und gleichzeitig geheizt.
  • „Grüne“ Notstromsysteme mit Wasserstoff und Brennstoffzelle um schmutzige Dieselgeneratoren abzuschaffen.


Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Dabei habe ich absichtlich keine Anwendungen aus der Mobilität aufgeführt um zu zeigen, dass Wasserstoff weit mehr als ein Treibstoff für Verkehrsmittel ist. Der erste Schritt scheint gemacht und die Fördermaßnahmen gelangen die nächsten Jahre sukzessive in den Markt. Viele Anwendungen stecken dabei noch in den Kinderschuhen. Durch die kommenden Investitionen werden nach und nach neue Technologien erschlossen und es kommt zu einem Paradigmenwechsel. Fossile Energieträger werden nach und nach abgelöst und es entsteht eine globale Wasserstoffgesellschaft.

Wie sehen aktuell die Unternehmensbewertungen aus?

Durch die starken Kursanstiege im November sind die Bewertungen der Unternehmen weiter gestiegen. Auf Basis der Tagesschlusskurse vom 24.11.2020 ergeben sich die in der unteren Tabelle dargestellten EV/Sales-Verhältnisse. Man sieht, dass die „Platzhirsche“ Plug Power und Ballard Power bereits mit dem vierzigfachen der Umsätze der letzten zwölf Monate bewertet werden. Man sollte daher in der aktuellen Phase vorsichtig sein, auf solch hohem Niveau einzusteigen. Es wird weiterhin starke Rücksetzer geben, die einen geeigneteren Einstiegszeitpunkt bieten.

Übersicht der Unternehmenskennzahlen im Wasserstoffsektor

Meine beiden TOP-Favoriten haben sich nicht geändert: Plug Power und Ceres Power. Plug Power kann sein durchschnittliches jährliches Umsatzwachstum weiter beschleunigen. Lag es die letzten drei Jahre noch bei 45 %, war es im letzten Jahr schon bei 55 %. Im Vergleich zum Vorjahresquartal sind die Umsätze sogar um 80 % gestiegen. Durch die zuletzt durchgeführte Kapitalerhöhung konnte man sich auf einem hohen Niveau dringend benötigtes Kapital besorgen. Dadurch ist das Debt/Equity-Verhältnis deutlich gesunken und man hat beim aktuellen Cash-Burn erstmal knapp drei Jahre Zeit. Zudem ist Plug Power, trotz des starken Kursanstiegs, im Branchenvergleich immer noch nicht „teuer“ bewertet.

An Position zwei sehe ich Ceres Power, welche ich bereits im Oktober analysierte. Zwar hat Ceres Power deutliche Umsatzeinbußen durch Corona, doch das durchschnittliche Umsatzwachstum der letzten drei Jahre ist enorm. Wenn man nach Corona auf den Wachstumspfad zurückkehrt sehe ich keine Probleme. Zumal Ceres Power von allen Unternehmen der Branche die beste finanzielle Basis, ohne nennenswerte Schulden hat. Das Lizenzmodell von Ceres Power erlaubt außerdem hohe Margen bei geringem Kapitaleinsatz. Schafft Ceres Power auch noch den Durchbruch bei der Erforschung der SOEC-Technologie (Solid-Oxide-Elektrolyseur-Cell), sehe ich noch viel größeres Potenzial.

Fazit

Immer mehr Länder und Regionen verpflichten sich zur Klimaneutralität und sehen in Wasserstoff den Energieträger der Zukunft. Das kommende Jahrzehnt werden weltweit viele Milliarden € in den Wasserstoffsektor investiert. Daneben fließt ein noch viel größerer Anteil allgemein in den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Klimaschutz, voraussichtlich sogar mehrere Billionen €. Um diese Zahlen einzuordnen hilft es diese relativ zu sehen, beispielsweise betrug das BIP der USA im Jahr 2019 etwa 18 Billionen € (das von Deutschland 3,5 Billionen €). D.h. im Verhältnis zur gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung der USA würden 2 Billionen € an Investitionen lediglich etwas mehr als 10 % darstellen. So viel sollte der Klimaschutz der gesamten Welt doch wert sein, oder?!

Wie können wir dieses viele Geld nun für unsere Investitionen nutzten? Bereits der große US-Investor Stanley Druckenmiller sagte, dass nicht Gewinne den Markt bewegen, sondern Liquidität. Und von dieser Liquidität gelangt die nächsten Jahre sehr viel in den Markt, zum einen durch die vielen Fördermaßnahmen und zum anderen durch die niedrigen Zinsen. Der Wasserstoffsektor profitiert also doppelt. Das klingt doch nach einer guten Ausgangsbasis für einen Wasserstoff-Boom.

Man darf langfristig also keine Angst haben, selbst in eine überkaufte Marktphase wie derzeit einzusteigen. Wenn die Unternehmen in ein oder zwei Jahren die ersten Gewinne schreiben, werden die Kurse noch viel höher stehen. Es kann dann passieren, dass man ewig auf einen „günstigen“ Einstieg wartet, welcher nie kommt. Natürlich sind die Bewertungen der Unternehmen im November sehr stark gestiegen und werden auch wieder etwas fallen, doch den richtigen Einstiegszeitpunkt trifft man nie. Wenn man in die zukünftigen Gewinner Investiert, ist der Einstiegszeitpunkt mehr oder weniger egal. Ich halte Ceres Power und Plug Power für sehr aussichtsreich positioniert.

Wer nicht die Zeit oder Lust hat sich mit Einzelaktien im Wasserstoffsektor zu beschäftigen, aber dennoch vom allgemeinen Megatrend profitieren will, kann sich gerne mal mein wikiflio „Wasserstoff & Brennstoffzellen“ ansehen. Alleine im November konnte das wikifolio-Musterdepot knapp 50 % an Wert zulegen. Und dabei hat der globale Wasserstoff-Boom gerade erst begonnen.

Disclaimer: Der obere Beitrag ist lediglich eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung. Für Richtigkeit und Vollständigkeit wird keine Verantwortung übernommen. Jede Person ist selber für ihr Handeln verantwortlich. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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